Ein Sommertag in Salzburg. Zu schön, um die Zeit ausschließlich in den Gassen und Geschäften zu verbringen. Eine Dachterrasse verspricht eine Erfrischung. Auch geistiger Natur, wie sich herausstellt, denn dort treffe ich auf prominente Gäste: Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist dort – ein Interview wird vorbereitet. Denis Scheck sitzt ihm gegenüber, das Kamerateam agiert professionell. Die Atmosphäre ist entspannt. Keine Spur von der üblichen Hektik eines Filmsets. Ich nehme am Nebentisch Platz und verfolge das Geschehen.

Mittel gegen Shitstorm

Es geht um seinen neuen biografischen Roman „Der Traum des Kelten“. Und um noch viel mehr. Der in Peru geborene Autor nutzt die Zeit unter dem Sonnenschirm auch, um zurückzublicken. Zum tot geglaubten Vater zum Beispiel, den er als 11-jähriger kennenlernt und der sich als cholerischer Tyrann entpuppt. Llosa sitzt am Kaffeetisch, in sich ruhend und Scheck wie einem alten Freund zugewandt. Er ist ein Rebell. Ein Mann, der durchaus aufbegehrt. Der in „Tante Julia und der Schreibkünstler“ Sätze formuliert wie „Das Leben ist ein Sturm aus Scheiße; die Kunst der einzige Schirm, den wir dagegen haben.“

Schreiben gegen Hass und Bevormundung

Es ist etwas Großes, was Llosa da unter der Sonne Österreichs sagt: Literatur kann ein Trost für das Scheitern im Leben sein. Ein Schutzmechanismus, der den unvermeidlichen Niederlagen des Lebens den Stachel zu nehmen vermag. So kommt man, wenn man über Llosas neuen Roman schreiben will, an dessen Erfahrungen und Ansichten nicht vorbei. Denn wie Roger Casement, um den es in seinem Buch geht, wohnt auch Llosa tiefste Abneigung, Hass gar, gegen diktatorische Bevormundung oder aufgezwungene Glaubenssysteme inne. Literatur und Freiheit nennt Llosa in einem Satz. Für ihn haben sie zentrale Bedeutung. Kein Wunder also, dass er sich für sein neuestes Projekt jemanden wie Roger Casement ausgesucht hat.

1916 wurde dieser zum Tode verurteilt. Der Roman schildert die letzten Tage vor seiner Hinrichtung und in Rückblicken das Leben Casements. Dem begegnen im Laufe seiner Reisen als Britischer Gesandter jene Gräuel, die Gewinnsucht und Machtstreben verursachen. Aus dem Kongo berichtet er über den Terror, dem sich die dortige Bevölkerung ausgesetzt sieht. Über die Versklavung der Menschen, die sich der Profitgier des damaligen Herrschers, dem belgischen König Leopold II, unterzuordnen haben. Im peruanischen Amazonasgebiet sind es Kautschuk-Firmen, die die Einheimischen auf menschenverachtende Weise auszubeuten verstehen. Seine Berichte sind es, die den dunklen Machenschaften ein Ende bereiten. Der überzeugte Gegner des Kolonialismus sieht aber auch in der britischen Herrschaft über Irland koloniale Unterdrückung. So engagiert sich Casement für die irische Unabhängigkeitsbewegung, was letztlich zu seiner Inhaftierung führt.

Llosa hat ein Band geknüpft – zu dem Leben eines Mannes, dem die Freiheit aller wichtiger war, als die eigene. Über hundert Jahre hinweg zu einem Traum, der noch immer nicht ausgeträumt ist.

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Written by Albert

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